Jedermann: Die Buhlschaft ist keine Hure
Juli 24, 2010 No CommentsMorgen ist es so weit: Am Salzburger Domplatz hat um 20.30 Uhr der „neue Jedermann“ Premiere. Die Buhlschaft wird erstmals von der Paschingerin Birgit Minichmayr (33) verkörpert.
26. Jänner 2009, 15 Uhr: Wir saßen zum Interview für die Filme „Alle Anderen“ und „Der Knochenmann“ im Wiener Café Sperl. Die Tür ging auf, herein kam Thomas Oberender, Schauspielchef der Salzburger Festspiele, der die Minichmayr überrascht anblickte.
Denn: Den ganzen Tag war er auf der Suche nach ihrer Handynummer – und plötzlich saß sie vor ihm… Er bat sie an einen Tisch, nach zehn Minuten war das Gespräch beendet – und sie hatte das Angebot für die Buhlschaft in der Tasche.
Ein Angebot, das man offensichtlich nicht ablehnen kann. „Ich habe das Stück“, sagt sie, „erstmals mit Sophie Rois und Gert Voss auf dem Domplatz gesehen. Und bereits damals habe ich gedacht: Da zu spielen, wäre was Besonderes. Freilufttheater war mir bisher ziemlich fremd, aber es gefällt mir mittlerweile sehr gut. Regisseur Christian Stückl hat mir die Möglichkeit eröffnet, einiges zu verändern. Bei ihm hatte ich nie das Gefühl, dass ich nur eine Umbesetzung bin. Und sicher wird es eine andere Buhlschaft. Allein schon, weil ich es bin.“
„Ich bin relativ uneitel“
Das Stück ist für sie „ein Märchen im christlichen Gewand“. Dass sie als Buhlschaft nicht viel Text hat, macht ihr nichts aus: „Ich bin relativ un-eitel. Auch, wenn ich eine Filmrolle annehme. Beispiel: ‚Das weiße Band’. Ich wurde danach angesprochen: ‚Du bist nur so kurz im Bild. Da wurden wahrscheinlich viele Szenen rausgeschnitten!’ Ich antwortete: ‚Nein, das war so. Alles ist drin. Mir war bei diesem Film nur wichtig, Michael Haneke bei der Arbeit zuzuschauen.“
Oft wird in Bezug auf die Buhlschaft die Frage gestellt, wer und wie sie eigentlich ist. In einem Interview soll Ex-Jedermann Peter Simonischek sie in die Kategorie „Hure“ eingereiht haben. Birgit Minichmayr kann sich mit dieser Sicht ganz und gar nicht anfreunden: „Das wäre typisch Mann: Du gehst mit mir nicht in den Tod, also bist du eine Nutte. Einfach mit ihm mitzugehen, würde ich falsch finden. Bei ‚Romeo und Julia’ ist das ja auch nur ein Betriebsunfall. Ein Mensch stirbt allein. Kommt allein, geht allein. Selbst, wenn man mit jemandem zusammen stirbt, ist es kein gemeinsamer Tod. Nein, ich glaube nicht, dass die Buhlschaft Jedermann verrät, nur weil sie nicht mit ihm sterben möchte.“
Ein schöner Zufall, dass sie heuer zum gleichen Zeitpunkt in Salzburg arbeitet, zu dem auch Klaus Maria Brandauer da ist. Ihr großer Mentor. Während der „Jedermann“-Premiere steht er auf der Halleiner Pernerinsel für eine Benefizvorstellung von „Ödipus auf Kolonos“ auf der Bühne. Die Minichmayr ist für ihn „der seltene Fall einer Künstlerin, die ihre Begabung sowohl auf der Bühne wie auch auf der Leinwand gleichermaßen einlöst. Ohne Frage eine der wichtigsten Schauspielerinnen ihrer Generation.“
Sie lobt ihn ihrerseits als „Lehrer, dem es ein großes Anliegen ist, zu unterrichten. Man wird selten so gefordert wie von ihm, und er kann schonungslos mit einem ins Gericht gehen. Dabei liegt er immer richtig. Für mich ist er ein toller, kluger, unglaublich gebildeter Mensch, ein irrsinnig schneller Kopf. Schön, dass er sich meiner immer so angenommen hat.“
In Salzburg gibt es für sie natürlich auch ein Leben außerhalb des „Jedermann“. Sie hat bereits ihre Stammplätze gefunden. Etwa die Bar Fridrich in der Steingasse, die Hagenauer Stub’n am Universitätsplatz, wo sie Salat mit Hühnerbrust oder Garnelen vertilgt. Oder das Triangel des Herrn Franz, der extra für seine populären Gäste Speisen zu kreieren pflegt. Beispielsweise das „Henkergulasch für Ben Becker“, als jener seine Dienste als Tod antrat. Was er sich für Minichmayr einfallen lässt? „Die will immer nur Salat. Wahrscheinlich wird’s ein Rucola-Salat mit Kalbsrückenstreifen, den ich dann ‚Buhlschaftssalat Minichmayr’ nenne.“